Drei Schritte, die ständig verwechselt werden

Wer die Berichterstattung der letzten Monate verfolgt hat, könnte den Eindruck gewinnen, in Deutschland werde wieder eingezogen. Das ist nicht der Fall. Was tatsächlich passiert, sind drei aufeinander aufbauende, aber klar getrennte Vorgänge — und die meisten Menschen sind derzeit nur vom ersten betroffen.

  1. Wehrerfassung. Der Staat erhebt, wer verfügbar wäre. Kern ist der Fragebogen. Läuft seit Januar 2026.
  2. Musterung. Ärztliche Feststellung der Tauglichkeit. Verpflichtend zunächst für Männer ab Jahrgang 2008, geplant ab dem 1. Juli 2027.
  3. Einberufung. Setzt eine aktivierte Wehrpflicht voraus. Findet aktuell nicht statt.

Der neue Wehrdienst, der zum 1. Januar 2026 in Kraft getreten ist, beruht auf Freiwilligkeit. Erfassung und Musterung schaffen die Struktur, auf die im Ernstfall zurückgegriffen werden könnte — sie sind nicht selbst der Ernstfall.

Die Zeitleiste

Datum Was passiert Wen betrifft es
01.07.2011 Wehrpflicht ausgesetzt — nicht abgeschafft alle
01.01.2026 Wehrdienstmodernisierungsgesetz tritt in Kraft; Wehrerfassung startet alle ab 18
seit 01.2026 Fragebogen nach dem 18. Geburtstag, ca. 350.000 Männer/Jahr, Frist ein Monat Männer verpflichtend, Frauen freiwillig
seit 01.01.2026 § 13 KDVG: KDV-Antrag ohne Musterung möglich Ungediente, geboren vor 01.01.2010
01.07.2027 Geplanter Beginn der verpflichtenden Musterung Männer ab Jahrgang 2008
offen Aktivierung der Wehrpflicht nur im Spannungs- oder Verteidigungsfall

Nach Jahrgang sortiert

Jahrgang Fragebogen Musterungspflicht KDV ohne Musterung
bis 2007 eher nicht nein ja, wenn ungedient
2008 ja ja, ab 01.07.2027 ja, wenn ungedient
2009 ja voraussichtlich ja ja, wenn ungedient
2010 und jünger ja voraussichtlich ja nein — Stichtag verfehlt

Warum ältere Jahrgänge in der Tabelle fehlen

Der Fragebogen geht seit Januar 2026 an alle, die ab diesem Zeitpunkt 18 werden — das ist Jahrgang 2008 und jünger. Wer vorher volljährig geworden ist, war zum Start des Versands bereits über 18. Ob diese Jahrgänge nacherfasst werden, ist öffentlich nicht abschließend geklärt. Am Verweigerungsrecht ändert das nichts: Wehrpflichtig ist man unabhängig vom Fragebogen, und der KDV-Antrag steht allen ungedienten Wehrpflichtigen offen.

Der Stichtag ist hart

§ 13 KDVG nennt ausdrücklich „vor dem 1. Januar 2010 geboren". Ein Tag Unterschied entscheidet. Wer am 31.12.2009 geboren ist, fällt darunter; wer am 01.01.2010 geboren ist, nicht. Für die zweite Gruppe bleibt es beim Regelfall: Zuleitung des Antrags nach der Musterung. Details in Verweigern ohne Musterung.

Was für Frauen gilt

Frauen erhalten den Fragebogen ebenfalls, sind aber nicht zur Beantwortung verpflichtet. Der Grund ist verfassungsrechtlich: Art. 12a Abs. 1 GG sieht eine Dienstverpflichtung ausdrücklich nur für Männer vor. Eine Ausweitung auf Frauen wäre eine Änderung des Grundgesetzes und damit an eine Zweidrittelmehrheit gebunden. Diskutiert wird sie, beschlossen ist sie nicht.

Daraus folgt für die Kriegsdienstverweigerung: Ohne Wehrpflicht gibt es nichts zu verweigern. Frauen können dennoch vorsorglich einen Antrag stellen — sinnvoll ist das vor allem für Soldatinnen und Reservistinnen, für die die Verweigerung unmittelbar praktische Folgen hat.

Ältere Jahrgänge, Reservisten, Soldaten

Wer heute deutlich über 20 ist, taucht in den Fragebogen-Schlagzeilen nicht auf und schließt daraus oft, das Thema betreffe ihn nicht. Das stimmt nur für den Fragebogen.

  • Ungediente über 18: wehrpflichtig im Sinne des Wehrpflichtgesetzes, auch ohne Fragebogen. Im Falle einer Aktivierung heranziehbar.
  • Reservisten: wer gedient hat, bleibt heranziehbar — zu Übungen und im Spannungsfall. Ein KDV-Antrag wirkt für die Zukunft.
  • Aktive Soldatinnen und Soldaten: Antrag jederzeit möglich, auch im laufenden Dienstverhältnis. Bis zur Entscheidung bleibt das Dienstverhältnis bestehen, eine Heranziehung zu Waffenübungen ist während des Verfahrens ausgeschlossen. Wer eine Fachausbildung erhalten hat, sollte zusätzlich die Frage der Ausbildungskosten kennen.

Rechtlicher Hintergrund und die Frage, was von der Wehrpflicht überhaupt noch übrig ist, stehen in Wehrpflicht & Art. 12a GG.

Wann ist der richtige Zeitpunkt zu verweigern?

Es gibt keine Frist. Der Antrag ist vor der Musterung möglich, danach, und noch im Dienstverhältnis. Aus drei Gründen spricht trotzdem viel dafür, ihn früh zu stellen.

  1. Eine Anerkennung wirkt sofort, ein laufendes Verfahren nicht. Wer erst reagiert, wenn Post kommt, wartet auf einen Bescheid, während die Uhr läuft.
  2. Die Bearbeitungszeiten steigen. Beim BAFzA gingen 2024 noch 2.249 Anträge ein, 2025 waren es 3.879, im ersten Halbjahr 2026 bereits 5.862.
  3. Unter Zeitdruck schreibt niemand eine gute Begründung. Und die Begründung ist der Teil, an dem Anträge scheitern — nicht die Formalien.

Wenn du weißt, dass du nicht mit der Waffe dienen willst, ist der beste Zeitpunkt jetzt. Wie eine tragfähige Begründung entsteht, steht in Sechs Wege, deinen Gewissenskonflikt zu begründen. Fertige Unterlagen in etwa fünfzehn Minuten gibt es bei uns: Kriegsdienstverweigerung online beantragen.